Andacht zu Johannes 15,5

von unserer Pfarrerin Silke Kirchberger

Christus spricht: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“  (Johannes 15,5)

Was für ein wunderbarer Zuspruch! So wie der Weinstock seinen Trieben Kraft gibt, sie wachsen lässt und Frucht tragen, so haben Christen ihren Halt in Christus. Er lässt uns wachsen und Frucht bringen. Diese Früchte heißen: Solidarität mit den Schwachen, Liebe für die Schwierigen, Optimismus und Hoffnung in schweren Zeiten. Bleibt bei mir, bleibt in der Gemeinschaft der Christen, dann werdet ihr diese Früchte ernten.

Und was ist mit denen, die nicht bleiben? Ich vermisse sie. Sie ist ausgetreten, als sie ihren ersten Lohn erhalten hat. Kirchensteuer - wozu soll sie die zahlen? Ja, damals, in der evangelischen Jugend, da hat sie mitgemacht, gern sogar. Die Gemeinschaft, die Freizeiten, Nächte durch diskutiert und die Welt verändert. Aber jetzt? Das erste selbst verdiente Geld braucht sie für die Wohnung das Auto, die Freizeit. Vielleicht ist das ja später anders. Wenn sie eine Familie hat oder so.

Ich vermisse ihn. Er ist ausgetreten, als die Sparkasse zum zweiten Mal auf diese komische Steuer hingewiesen hat. Kapitalsteuer. Die Kirche bekam doch schon so viel Geld von ihm. Sicher, in seiner Gemeinde verfolgt er schon genau, was der Pfarrer macht und sagt. Und dass sich die Kirche so für Flüchtlinge stark macht, findet er wirklich gut. Aber hier hört es auf, jetzt will er ein Zeichen setzen. Sein Steuerberater hat auch gesagt: das können Sie sparen.

Ich vermisse sie. Sie hat sich engagiert, jahrelang. Kuchen gebacken für fröhliche Feste, Gemeindebriefe ausgeteilt, im Besuchsdienst mitgearbeitet. Sie war gern dabei. Alle Feste ihrer Familie hat der Pfarrer begleitet, die Taufen und Konfirmationen, ihre Silberhochzeit. Ausgerechnet bei der Beerdigung ihrer Mutter war er im Urlaub. Das geht doch nicht. Sie war doch auch immer da. Jetzt ist sie ausgetreten. Ihren Glauben hat sie behalten. Dafür braucht sie ja die Kirche nicht.

Jesus Christus strahlt mit seinem Leben, Reden und Handeln tatsächlich wie ein Weinstock Lebenskraft aus. Er hilft seinen Reben beim Wachsen. Er hilft uns, uns zu entfalten mit unseren Talenten und Gaben, mit Schwächen und Stärken uns einzubringen in unserer Welt. Das Bleiben, aneinander und miteinander verbunden bleiben, stärkt jeden und jede einzelne in ihren Lebensbezügen, weil ich mich als Teil eines Ganzen verstehen kann. Gerade zur Zeit merken wir, wie kostbar Gemeinschaft ist. Keine Telefonat und keine Zoom-Konferenz im Internet ersetzen auf Dauer die persönliche Begegnung. Ich möchte den Menschen in die Augen schauen. Ich werde gestärkt von denen , die mit mir auf dem Weg sind, wenn wir gemeinsam im Gottesdienst singen und beten. Und auch, wenn mir meine Visionen und Hoffnungen abhanden kommen, wenn ich Gleichgesinnte brauche, die meinen Schmerz teilen, dann ist es gut, mit anderen zu reden, sich auszutauschen, sich gegenseitig zu stützen und zu ermutigen und in den Arm zu nehmen.

Wir sind aneinander gewiesen. Das Christentum braucht Gemeinschaft. Wir - die Reben - bekommen Kraft und Halt durch den Weinstock: Jesus Christus. Amen

Lied: Gott gab uns Atem, damit wir leben (EG 432)

Gebet

Guter Gott, hilf mir,
dass ich in aller Ungewissheit und Angst nicht das Vertrauen verliere.
Lass mich und die anderen besonnen bleiben.
Bewahre die Schwachen.
Sorge für die Kranken.
Sei bei allen, die sterben.
Beschütze alle, die in Krankenhäusern und Laboren arbeiten,
die Kranke pflegen, Eingeschlossene versorgen und sich darum bemühen, dass wir haben, was wir zum Leben brauchen. Amen

Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist. Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.  Amen.

Ihre Pfarrerin Silke Kirchberger